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Bio Boom – auf zum nächsten Skandal?

Bio boomt und wächst. Auch Biowein ist ein Gewinner dieses Trends, wie es manche noch bezeichnen. Andere sehen das Thema Bio längst nicht mehr nur als Trend, sondern als erhöhtes Bewusstsein für gesündere Ernährung, umweltfreundlichere und nachhaltiger erzeugte Produkte mit korrespondierender Nachfrage.
Im Bereich Biowein haben sich die Anbauflächen in den letzten vier Jahren in Deutschland nahezu verdoppelt. Von rund 5000 ha bzw. ca. 5 %  Anteil an der Gesamtrebfläche spricht Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI).
Laut einer Marktanalyse der Nielsen Company zum Biomarkt profitieren Bio-Wein und Sekt überproportional mit 17,5 Prozent, auch wenn mit 43 % Bio-Bier am stärksten zulegen konnte, was wohl dem insgesamt geringen Niveau geschuldet ist.
Allerdings wird auch schon fast ein Drittel der erhältlichen Biowaren über die Discounter vertrieben – die Nachfrage ist da und will bedient werden. Wenn es wie neulich etwa bei Aldi Süd ein Olivenöl aus Italien in Bioqualität zum Preis eines normalen Discountöls gibt – warum nicht gleich Bio? – so werden viele Denken. Was von der Qualität solcher Öle zu halten ist, darüber haben sich andere schon genügend ausgelassen – ich empfehle die Artikel und Tests der Weinzeitschrift Merum, die sich seit Jahren um Qualität und Aufklärung auch in Sachen Olivenöle bemüht.

Betrachtet man die Lebensmittelskandale der jüngsten Zeit, ist es mehr als nur nachvollziehbar, dass die Verbraucher vermehrt Produkte nachfragen, die Bio sind, was auch immer das bedeuten mag. Dass die steigende Nachfrage auch auf Erzeugerseite entsprechend für Druck im Markt sorgt, ist leicht verständlich, gibt es doch heute ungleich mehr Konkurrenz bei den Bioproduzenten, als noch vor ein paar Jahren. Viele Erzeuger springen auch auf den Zug auf, um neue Absatzmärkte zu erschließen, was per se nicht verwerflich ist, denn nicht jeder muss von der Steiner-Schule bis zum Demeterhof gleich sein ganzes Leben und Denken biodynamisch ausrichten, auch wenn man bei einigen Biobauern in der Tat das Gefühl haben könnte, sich leider nur einen frischen grünen Anstrich besorgt zu haben, vom Thema Nachhaltigkeit aber noch meilenweit entfernt zu sein.

Bio-Verwässerung?

Viele fürchten eine – meiner Ansicht nach teils längst eingetretene – Verwässerung der Begrifflichkeiten und Gütesiegel, entsprechend ernsthafte Kontrollen sind daher allein schon aus Verbraucherschutzgründen erforderlich. Wer jetzt nach dem Staat ruft, dem sei zu denken gegeben, dass trotz der staatlichen Kontrollen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit kaum Skandale aufgedeckt oder Missstände aufgeklärt und in der Folge auch beseitigt werden, sondern viel eher durch Verbraucherschützer und die Medien. Personalnot mag ein Thema sein, die Kosten ein anderes. Kompetenzgerangel zwischen Ländern, Bund und Kommunen sind ein weiteres Problem, und wer will schon dem Hauptarbeitgeber in ländlichen Gegenden ans Bein pinkeln, etwa der Landrat dem einzigen Geflügelzüchter weit und breit?

Zertifizierungen wie Demeter, Ecovin oder durch vergleichbare Institutionen versprechen mehr Sicherheit und engmaschigere Kontrollen als die Staatlichen.

Mancher Erzeuger arbeitet zwar nach Biostandards, lässt sich aber aus Kostengründen nicht zertifizieren oder hält dies nicht für nötig, „ich weiß ja was ich mache und meine Kunden auch“. Ob das trotz einer gewissen Nachvollziehbarkeit der richtige Weg sein kann, mag allerdings bezweifelt werden.

Druck aus dem Ausland
Doch Druck auf die Erzeuger kommt auch aus dem Ausland: Die heimische Landwirtschaft kann auch im Bereich Ökolandbau die Nachfrage nur noch ansatzweise decken, wovon Importeure und Erzeuger aus anderen Ländern profitieren.
Laut Gerald Wehde, dem Sprecher von Bioland, sind die Wachstumsraten in Osteuropa im Ökolandbau zum Teil zehnmal so hoch wie in Deutschland und gibt einer verfehlten Förderpolitik eine Teilschuld an so manchem Missstand.
Ob die Umsetzung und Kontrollen der Verordnung (EG) Nr. 834/2007 (EG-Öko-Basisverordnung), die natürlich auch in den Osteuropäischen Mitgliedsstaaten gelten, vergleichbar ’streng‘ gehandhabt werden wie in Deutschland mag man mit guten Gründen bezweifeln, sind doch die höheren erzielbaren Preise Anlass genug zum Schummeln. Dass dies auch manch einer hierzulande, in Italien oder anderswo versucht, steht für mich außer Frage.

So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste große Bio (Wein/ Geflügel/ Fleisch/ …?)-Skandal die Runde macht.
Wer aber glaubt, dass er ein hervorragendes, am besten noch ethisch erzeugtes Bio-Olivenöl für 2,99 € oder ein Bio-Tiefkühlhähnchen für 1,39 € im Discounter erhält, der soll sich dann bitteschön nicht aufregen, er ist Teil des Problems.

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3 Kommentare

  1. Das die Wachstumsraten bei Wein und Sekt hoch sind, ist nicht verwunderlich, und diese werden sicher auch in naher Zukunft noch um einiges ansteigen. Die Auflagen sind im Vergleich zu anderen Branchen relativ gering. Der Winzer muss auf ein für den biologischen Anbau zugelassenes Spritzmittel ändern, und diese sind in breiter Front bei allen gängigen Anbietern erhältlich, aber recht viel mehr ändert sich nicht, da im Keller die Auflagen fehlen. Somit bleibt ein guter Marketingeffekt. Richtige Biowinzer die auch im Keller anders arbeiten werden wohl weiter eine Randerscheinung bleiben, denn die Weine (vorallem im WW Bereich) schmecken -Gott sei Dank- einfach anders!

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