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Etikettentrinken vs. Trink-Etikette?

Weinrallye #105: Etikettentrinken

Aufgerufen hatten die Flüssigen Freundlichkeiten zur letzten WeinRallye des Jahres, eigentlich zur Unzeit, will man sich doch gepflegt dem Endjahressuff hingeben und so mache Flasche, eventuell sogar mit schickem Etikett, entkorken, ohne zwischen den Feiertagen am Rechner zu sitzen. Wein-Narzissten mit und ohne Facebook? Spannendes Thema… mal sehen.

Etikettentrinken vs. Trink-Etikette

Für viele eine Art Pseudo-Schimpfwort: Etikettentrinker. Weinliebende Menschen zumeist männlichen Geschlechts, welche Weine trinken, die etwas hermachen oder plakativ etwas „über-weinliches“ transportieren sollen, das man nicht erst beschreiben muss.

Mein Haus, meine Yacht, mein Château d’Yquem, mein Roederer Cristal Brut.

Bei Facebook immer sehr beliebt: Ein Posting mit einer edlen Flasche oder einem Etikett einer Wein-Berühmtheit in Flaschenform, gerne auch Magnum, als Vertikale oder Horizontale, lässig wahlweise gerne untertitelt mit:

« Bämm! »
« Ich Ärmster! »
« Läuft».

Die Kenner wissen ja eh, was gemeint ist und wovon man sprechen bzw. schreiben würde, wenn man sich die Mühe machen würde, einen Haut-Brion 1995 (gerne auch älter) zu beschreiben, den man eben mal zur Pizza am Mittwoch Abend mit dem Kumpel von nebenan geleert hat. Die Pizza war immerhin selbst gemacht… der Reibekäse aber aus der Tüte, das Trüffelöl vom Edeka war auch leer. Nimmt man einen Mouton-Rothschild, wäre man auch thematisch noch näher beim Etikett selbst. Mit Flaschenausstatung u.a. von Dali, Chagall, Picasso, Kandinsky bis zuletzt David Hockney für den Jahrgang 2014 dürfte die Kollektion wohl über die längste und berühmteste Künstlerreihe eines Châteaus sein, die sich je auf Flaschenetiketten verewigen durfte, nicht nur in Bordeaux.

Aber wieso Pseudo-Schimpfwort? Nun, es schwingt doch meist auch etwas Anerkennung oder Bewunderung mit, zumindest in den Weinkreisen und Foren. Oft hinter vorgehaltener Hand, manchmal gepaart mit Neid oder Missgunst, manchmal aber auch schlicht mit einem ehrlichen Seufzer von «hach, das würde ich auch gerne mal probieren» oder «da wäre ich gerne dabei gewesen». Bottle-Peepshow bei den Einen, Neid und Missgunst bei den Anderen. Bierernst, so sieht die fröhliche Weinwelt leider häufig aus. Manchmal würde man sich jedoch wirklich etwas mehr Infos wünschen, als ein halb-prosaisches « Bämm! ».

Trink-Etikette und die Lust am geilen Rausch

Nicht jedem Trinker ist auch stets die Etikette seines Tuns im Kontext seines Seins geläufig, manchen ist sie aber auch schlicht egal. Ethik ohnehin nicht. Und was wird jetzt eigentlich mit der Entmachtung der US-Ethikbehörde? Trinken wir für den Weltfrieden oder gegen Rassismus oder  die Klimaerwärmung? Dürfen wir nur noch nachhaltige, vegane Bioweine bei Facebook posten? Von Gläsern, Stil, Prunkgehabe und der schieren Lust am geilen Rausch so kurz vor Silvester zu schreiben,
[edit: aus technischen Gründen wie madige PlugIns, http-Error 500, Bandscheiben des Autors erst im neuen Jahr…]
erscheint jedoch so müssig wie sinnlos. Die einen ballern Raketen und Böller für hundert Euro und trinken dazu einen Kopfweh-Sekt wie Rotkäppchen, die anderen meinen, ihr von Stiftung Warentest gehypter Aldi Schampus Monsigny sei einer Witwe Louise Pommery oder Clicquot Ponsardin ebenbürtig. Andere wiederum halten das Edelgesöff aus dem Hause LVMH mit dem berühmtesten orangefarbenen Etikett überhaupt (behaupte ich jetzt mal) für den Champagner schlechthin, auch wenn er in seiner Preisklasse höchstens Mittelmaß ist. (Kaum je über 15/20 ernsthafte Punkte irgendwo). 

Leuchtreklame am Schampus statt Leuchtraketen?

Wer es extravagant liebt, für den gibt ja auch noch einen besonderen Sprudler:
Dom Perignon Luminous, für ca. 179-199 €, aber dafür mit Leucht-Label. „Ein smaragdgrünes Feuer entströmt dem Etikett einer der edelsten  Flaschen aus der Welt der Champagner und bildet den absoluten Mittelpunkt jedes In-Clubs oder Luxus-Location.“ Nix gegen Dom P. – aber wer braucht schon ein mit Minibatterie für neun Stunden beleuchtetes Etikett? Findet man sonst im dunklen P1 nicht zu seinem Platzerl und zum neuen Schatzerl zurück? Ist die Flasche nicht nach spätestens einer Stunde leer, läuft ohnehin etwas verkehrt… aber wer es braucht…

Wurst – soll doch jeder trinken und bezahlen, was er mag. Statt „smaragdgrünem Dom Perignon für 199 € oder den Veuve würde ich mir lieber ein paar Flaschen Gosset Grande Réserve Brut für ca. 40 € besorgen oder Jacquesson Cuvée 739 brut… mir fallen mindestens zehn Champagner in der gleichen Kategorie ein (nennen wir sie: Les Champagnes non millésimés unter 40 €), die wesentlich spannender – um nicht zu sagen prickelnder sind, als den Clicquot Ponsardin. Dem geneigten Leser dürfte das kaum anders gehen.

Allerdings hat das Etikett einen umwerfenden Wiedererkennungswert und Reichweite als Marke. Das muss man erst einmal hinbekommen. In Deutschland gibt es allen voran einen Winzer, der in den letzten Jahren nicht zuletzt auch durch seine Flaschenaufmachung Aufsehen erregte und ein Bewusstsein für Markenauftritt, Stil und Typographie in der Weinszene geschaffen hat, was auch heute noch nachhaltig wirkt: Markus Schneider mit seinen Weinen URSPRUNG, BLACK PRINT oder Tohuwabohu. Jeder deutsche Weinliebhaber hat sie schon gesehen, auch wenn er sie nicht getrunken haben will, Schneider ob seines Erfolges verachtet oder lieber auf Traditionen und biedere Etikettenlandschaft von Anno Dazumal mit röhrendem Hirsch auf Steilhang über Flußaue steht.

Auch Traditionen können in Sachen Etiketten jedoch einprägsam sein. Einen Karthäuserhof mit seinem auf den ersten Blick fehlenden Bauchetikett erkennt man sofort und auf zwei Meter Distanz im Regal. Dr. Carl-Ferdinand von Schubert mag einem nichts sagen, aber eine Flasche Maximin Grünhaus erkennt der Rieslingfan sofort und unter Hunderten auf einem Probentisch.

Design. Etiketten. Trinken.

Nun gibt es auch die neuen, hippen Winzerbuben und Mädels, die in Geisenheim neben dem Handwerk auch den Vertrieb und das dazugehörige Knowhow gelernt haben und die mit feschen Etiketten, edelsten Webauftritten und coolem Storytelling auf die Jagd nach Kunden und Aufmerksamkeit gehen. Manche überaus erfolgreich. Bei manchen darf man sich allerdings auch wundern, weshalb eigentlich. Man kratzt sich am Kopf, den Wein im Glas und fragt sich unweigerlich:

Was ist denn das? (Neusprech #WTF?)

Ein gut gemachter 0815-Riesling im stylish geprägten Gewand, stark entsättigten Fotos im Gegenlicht und der berechtigten Frage, ob man den Wein ohne die Flaschenaufmachung überhaupt (wieder-)erkennen würde und ob sie sich von den Genossenschaftsmitgliedern im Nachbarort qualitativ positiv unterscheidet. Es gibt inzwischen Winzer, die jeder in der Weinszene kennt, über deren Weine allerdings weniger als über ihre Aktionen gesprochen wird. Aber was soll‘s – das gibt es schließlich in der Musikbranche oder bei den RTL-Stars und Sternchen ebenso. Namen, die man nur kennt, weil sie überall dabei sind, man allerdings nicht weiß, wofür oder warum jemand bekannt ist. Who cares, somebody’s gonna pay my bill.

It’s the singer, not the song. Gibt es eigentlich bald ein Dschungelcamp für Winzer?

Jaja, die gute, alte AIDA-Formel. Attention, Interest, DesireAction. Alles für die Katz, wenn man eben kein Etikettentrinker ist und einen die inneren Werte nicht überzeugen. Im großen Graubereich der Consumer-Weine, die vielleicht trinkbar und in Ordnung sind, sich inhaltlich bzw. qualitativ aber nicht wirklich vom Rest absetzen können, wird oft jedoch mit Hauen und Stechen, Reizen und Skandälchen um jede Flasche gerungen, die man in den Markt drücken kann. Manchmal ist es genau das, was an der Szene am meisten nervt…

Langweiliger Wein. Cooler Winzer. Klasse Outfit, schicke Bouteille!

Etikettentrinken vs. Trink-EtiketteEs tut sich was, es hat sich was getan!

Neben der herausragenden Arbeit, die seit einigen Jahren insbesondere die Kommunikationsagentur der Medienagenten in Bad Dürkheim für die deutsche «Etikettentrinkerszene» leisten und die nicht nur in optischer Hinsicht die positive Sichtbarkeit etlicher Winzer unterstützen, möchte ich noch lobend und statt vieler die Flaschengestaltung von der Domaine la Louvière in Malepère im Languedoc erwähnen, deren Weine inzwischen Bio-zertifiziert sind und sicher zum Spannendsten gehören, was es in der ganzen jungen AOC zwischen Carcassonne und Limoux zu entdecken gibt, auch unabhängig von den Etiketten :-). Die Flaschen des Titelbildes dieses Artikels stammen vom Biodyn-DreamTeam Turner-Pageot aus Gabian im Languedoc, von Pézenas kommend kurz vor der AOC-Grenze nach Faugères. Kennt man die Weine aus der Region, so wird schnell klar, dass die künstlerisch gestalteten Flaschen nicht nur äußerlich besonders und im positiven Sinne anders sind, als die der Nachbar-Winzer. Woman Winemaker of the year – Karen Turner und ihr Mann Emmanuel Pageot machen erstklassige Essensbegleiter, die einerseits das Terroir nördlich von Pézenas widerspiegeln, andererseits eine klare Handschrift und erkennbare Linie aufweisen. Die großartigen Bio-Weine von Andreas Tscheppe, der nicht nur mit der Blauen Libelle Sauvignon Blanc seit Jahren zu meinen Lieblingen aus der Steiermark zählt, sind nicht nur wegen ihrer exzellent gestalteten Tier-Etiketten ein Knaller, sondern gerade auch des herausragenden Inhaltes wegen. Inhalt & Verpackung top – so wünscht man sich das. Und dann gibt’s da noch ein feines Kooperationswerk:
Der Ürziger Würzgarten alte Reben Trocken in Sonderabfüllung 2015 aus der Zusammenarbeit von Stefan Steinmetz (Günther Steinmetz) in Brauneberg und Christian Hermann (Weingut Dr. Hermann) in Ürzig. Aus bis zu 120-jährigen Rebstöcken in jugendlicher Unvernunft mit großem Können wurde der Rebensaft zu einem wahrlich großartigen Wein gekeltert – das schreit nach einem besonderen Etikett. die Jugendstil-Anmutung passt hier perfekt und kontrastiert die ruhige, präzise und vernünftige Art, die sowohl den Winzer Steinmetz als auch seine glasklaren Weine auszeichnen. Hier passt alles, bis auf eins: Ich habe keine Flasche mehr.

In diesem Sinne – heiteres Etikettentrinken oder Trink-Etikette?

Egal. Prosit Neujahr!

Zusammenfassung

Beim Gastgeber Martin Riedl von Flüssige Freundlichkeiten gibt es hier die Zusammenfassung zur WeinRallye #105 mit allen teilnehmenden Beiträgen.

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