Bio oder nicht, egal? Bettane & Desseauve und ihre Top 100 Bioweine

Da kauft man sich eine Print-Ausgabe der Terre de Vins* (kennt jemand noch diese Papier-Dingens, die man umblättern, lesen und irgendwann wegwerfen kann? ;-) für die Rückfahrt im TGV von der Millésime Bio in Montpellier nach Deutschland, freut sich über das Thema « La Vague Bio – 100 vins au top » – sinngemäß also die Top 100 Weine der Bio-Welle – schließlich passt es scheinbar haargenau zu den letzten Tagen auf der größten Biowein Fachmesse.
Während des Lesens wundert man sich ein wenig über die ausgewählten Weine, aber gut – man ist ja im Unterhaltungs- bzw. TakeMeHometoTheLake-Modus.

Les Vins Bios – La Sélection Bettane & Desseauve

Die Herren Bettane & Desseauve schreiben nicht nur unter anderem auch für das genannte Printmedium, sie sind Herausgeber eines der vielleicht besten relevanten Weinführer Frankreichs, korrigiere: des besten. Wenn die beiden Fein- bzw. Weinschmecker also über Biowein von einem „Phänomen, welches die Medien beschlagnahmt“ schreiben und in ihrer Top-100-Selektion dabei selbst dann manch fragwürdiges (und teilweise nicht zertifiziertes) Exponat aufnehmen, so ist das durchaus diskussions- und kritikwürdig.

Und so regte sich der Präsident der FNIVAB Frankreichs, Alain Reaut, in einem offenen Brief verständlicherweise auf… Hier die französische Originalversion des Briefs.
Auch hier spielt die Juristerei bzw. die Europäischen Regeln für biologisch erzeugten Wein eine Rolle. Reaut weist in seinem Brief darauf hin und stellt klar, dass die ökologische Landwirtschaft nicht irgendein x-beliebiges Konzept sei, sondern ein nach klaren europarechtlichen Grundlagen aufgestelltes gesetzliches Regularium: wenn ein europäischer Erzeuger das Wort „Bio“ auf seinen Weinen oder auf anderen Produkten verwenden will, so muss er sich den jährlichen obligatorischen Kontrollen durch die entsprechenden Zertifizierungsstellen.
Ein bisschen Bio fürs Marketing und Etikett geht eben gerade nicht. Entweder man produziert Bio und hält sich an die dafür geltenden gesetzlichen Regeln, oder eben nicht. „So was ähnliches wie Champagner“ kann und darf man auch nicht auf seine Flasche schreiben; entweder es ist Champagner, oder eben nicht.

Der Tenor seiner Aussage: Biowein ist zertifiziert & spielt nach den Regeln, oder er ist eben kein Biowein. Hierbei geht es klar auch um Nachvollziehbarkeit für den Verbraucher, Biowein soll eben gerade nicht zu einer Mogelpackung verkommen, in die jeder das verpackt, was ihm beliebt.

Natural Wines bzw. „Naturweine“ sind nicht zwingend „Bio“ und Bio- bzw. biodynamische Weine sind nicht notwendigerweise “natürlich” iSv. Natural Wines. Dem Verbraucher sei es jedoch geschuldet, auch diesbezüglich mit klaren Begriffen zu arbeiten, daher sind auch die EU Regeln von August 2012 zu begrüßen.

Bei der – eingeschränkten – Verwendung von “Schwefel, Kupfer und Kalk” einerseits, sowie dem Verbot von Herbiziden, Kunstdünger und synthetischen Pestiziden andererseits bestehen durchaus signifikante Unterschiede.

Whats it all about? beaucoup de bruit pour rien?

Nope. Unabhängig von den in Sachen Biowein teilweise hanebüchenen Aussagen der von mir als Weinverkoster durchaus sehr geschätzten Herren Bettane & Desseauve lässt sich bei aller verständlichen Subjektivität bei einer Top100-Liste doch einiges feststellen: es fehlen einige Weine, die in diversen Wettbewerben/Concours des Vins ganz oben dabei waren. Es sind einige in der Auswahl, die in jeder Blindverkostung schon gegenüber den üblichen Verdächtigen der jeweiligen Region komplett untergehen würden. Sei’s drum. Aber ein wenig Präzision darf man schon erwarten. So firmiert einer meiner absoluten Favoriten unter den Vins Doux Naturels, der Rivesaltes Aimé Cazes ambré doux von 1978 in der Selection von Bettane & Desseauve unter der Auszeichnung Coup de Coeur. An diesem Wein lässt sich wirklich nichts aussetzen, im Gegenteil, es lässt sich schwerlich ein besserer Rivesaltes ambré doux finden. Und das Weingut Cazes aus Rivesaltes, zu JeanJean bzw. AdVini gehörend, ist zweifelsohne eines der Vorzeigeerzeuger in Sachen Bio & Biodynamischer Weinbau in Südfrankreich, eines der ältesten obendrein. Trotzdem: auch die Domaine Cazes war 1978 noch nicht biozertifiziert, auch wenn sie eine der ersten war. Die Domaine bewirtschaftet seit 2005 ca.220 ha Weinbergsfläche biodynamisch…

Ob man einem Champagne Fleury Brut 2002 (ist der überhaupt noch auf dem freien Markt erhältlich?) 17/20 Punkte geben mag – sei’s drum. Der Dank Riegel Weinimport in jedem zweiten Biomarkt erhältliche Bio Champagner von Fleury schwankt nicht nur beträchtlich von Jahr zu Jahr, im Vergleich zu manch anderem Bioproduzenten der Champagne erscheint eine entsprechende Wertung auch in Anbetracht der Konkurrenz nur schwerlich nachvollziehbar. Leclerc Briant war bisher einer der größten oder sogar der größte biodynamische Erzeuger in der Champagne. Jetzt gehört das Gut zu Louis Roederer, der ja auch nicht wirklich den schlechtesten Champagner produziert. Des weiteren: Champagne De Sousa aus Avize… und natürlich Bruno Michel aus Pierry mit seinen Bio-Champagnern, die jedem Fleury die Bläschen zum Platzen bringen… ;-)

Erstaunlich auch, was die Herren in Sachen Languedoc-Roussillon auffahren. Gérard Bertrand mit dem gefällig marmeladigen Cigalus, den es hierzulande bei Jacques Weindepot für knappe 20 Euro gibt… Cabernet Sauvignon, Merlot, neue Barriques, was hat das mit dem Languedoc bzw. zu tun? (war ja nur ‘ne Frage). Mas du Soleilla Les Chailles 2010, la Clape ? – Come on. Get some Pech Redon les Cades & shut up ! Vom Épervier von Christophe Bousquet/ La Clape wollen wir gar nicht erst anfangen. Dunkle Kräutertunke, fehlt nur noch das Essen.

Was in der „Vague Bio Top 100“-Liste ebenfalls komplett fehlt: die Verrückten vom Berge Calce. Rousslillon. Sprechen wir von Bio oder Biodynamie und High Quality, so kommt man an diesen Gütern kaum vorbei: Domaine Gauby, Matassa, Domaine de l’Horizon, Olivier Pithon… streichen wir das Wort “kaum”.

Aber sei’s drum (sagte ich das nicht bereits?) vielleicht ist es gut, dass manche Weine von herausragender Qualität nicht noch mehr gehyped werden und dadurch einigermaßen erschwinglich bleiben. Man vergleiche einen Ch9dP Clos du Caillou les Safres 10 mal mit ein paar der bekannteren Damen & Herren. (Bio oder nicht). Oder die Weine von Pascal Chalon/ La Grande Ourse, der einen Großteil seiner Trauben immer noch bei Beaucastel abliefert – Aber pssst, ich habe nichts gesagt…

* Terre de Vins, N° 21 Janvier/Février 21013/ Edition Sud Méditerranée

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  1. Peter Riegel’s avatar

    Ihre Kritik am Artikel in Terre de Vins teile ich. Der Artikel ist schlampig recherchiert, es reicht halt nicht, dass 2 bekannte Weinnasen ein paar Weine mit ebenfalls bekannten Namen runter beten.
    Ihre Lieblingsbiochampagner verkosten wir auch regelmäßig. Bis auf Leclerc-Briant finden wir die regelmäßig noch viel schwankender als Fleury. Schade, denn wir hätten gerne ein größeres Champagner-Angebot.
    Wir verkosten auch regelmäßig Pithon und Gauby. Gauby hat nun viele Jahre genau das gemacht, was Alain Reaut kritisiert. Ohne Biokontrolle die immer höher werdende Biowelle abgeritten. Schön, dass die sich am Ende doch noch für den ‚sauberen’ Weg entschieden haben und nun zertifiziert sind. Aber das hat gedauert. Ihre Weine zeichnet sicher aus, dass sie im Vergleich zu anderen in der Region Roussillon wohltuend ‚kühl’ (mineralisch klingt auch immer gut…) schmecken, oft sind sie von der Substanz her dürftig und eigentlich immer im Verhältnis zur Qualität so überteuert, dass man sich als Konsument auch betrogen fühlen könnte.
    Mangelnde Substanz kann man Olivier Pithon sicher nicht vorwerfen, seine guten Weine finde ich großartig. Aber leider hatten wir in jeder systematischen Verkostung der letzten Jahre qualitative Ausreißer, die einem die verbliebenen Haare zu Berge stehen lassen und die die Frage aufwerfen, wie jemand mit einem verdientermaßen so guten Namen es scheinbar nicht übers Herz bringt, ein gar nicht gelungenes Fass dann halt Mal nicht abzufüllen.

  2. Stefan’s avatar

    Danke für Ihren Kommentar, Herr Riegel.
    Wir sind uns sicher auch einig, dass in der Liste von B&D einige Weine sind, die weder qualitativ noch in Sachen Bio einer herausragenden Erwähnung würdig sind, zumal in einer Top100-Liste von bekannten Kritikern, die es eigentlich besser können und wissen müssten. Wir sind uns sicher auch einig, dass es bspw. auf der Millésime Bio einige Reuciten gab und gibt, die eher in diese oder vergleichbare Listen gehören. Und – so zumindest meine persönliche Einschätzung auch mit Rückblick auf die letzten 4 Jahre – auch unter den Medaillenträgern in Montpellier (selbstredend auch anderswo) gibt es einige, die bestenfalls durchschnittlich waren.
    Zweifelsohne gibt es auch unter den “Bionahen”, aber nicht zertifizierten Weinen geniale und faszinierende Weine wie Winzerpersönlichkeiten, auch wenn ich persönlich, wie es iÜ auch rechtlich verlangt wird, für Bio=Zertifiziert&Kontrolliert im Weinberg wie im Keller bin, was schon aus Verbraucherperspektive und Transparenzerwägungen heraus erforderlich ist.
    Horizon & Matassa finde ich durchaus stabil und seit Jahren outstanding, zumindest bei den Weißen. Bei Gauby & Pt. sehe ich es teilweise ähnlich, bei den Preisen jedoch – halten sie die von G. Bertrand für einen marmeladigen Cigalus für adäquat?
    Im Übrigen lassen sich qualitative Ausreißer auch bei so manchem, was an der Millésime-Verkostungstheke aus/angestellt wurde, finden, von Weinfehlern ganz zu schweigen, die Ihnen sicher auch nicht entgangen sein dürften.
    Anyway, man sollte sich über die Vielfalt der Stilistiken & Macharten freuen, wenngleich bei manchem “konventionell erzeugten” Biowein viele Fragen offen bleiben…

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