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Weinrallye #47 – Alemannische Weine

Alemannische Wii

Eine Weinrallye mit dialektlogischem Hintergrund? Ein Lieblingsthema, ein spannendes Thema, aber auch ein sehr weit gefasstes. In Konstanz (alemannisch „Konschdanz“) sitzt der Verfasser dieser Zeilen doch diesmal mitten drin im Alemannischen Sproochruum. Die 47. Weinrallye vom Erfinder Thomas Lippert  befasst sich also mit Weinen aus Alemannia – im weiteren oder engeren Sinne.

Für ungeübte, meist norddeutsche Ohren hört sich ohnehin ausnahmslos alles, was Ch-lastig daherkommt wie Schwyzerdütsch an, auch wenn es dabei natürlich mannigfaltige Unterschiede gibt: Elsässisch, Markgräflerisch und auch die Kaiserstühler Mundartvariante gehören bspw. zum Westalemannischen bzw. Niederalemannischen, während im Großteil der Deutschschweiz wie etwa das Züritüütsch ein Hochalemannische Variante verwendet wird, im Wallis aber Höchstalemannisch, was mitunter auch für manche Schweizer nicht einfach zu verstehen ist.

Gsi, gwä, gewesen

En Schwob en Schweizer ond en Nordeitscher sitzed em Zug.
No frogt dr Schweizer da Nordeitsche:“Sinds auch scho z’Züri gsi?“
Der verschtoht aber nix.
Der Schweizer wiederholt: „Sinds auch scho z’Züri gsiiii?“
Aber ‘s hilft nix.
Der Schwob hilft aus:“ Er moint gwä“
 

Dass auch das Schwäbische ein Alemannischer Dialekt ist, sei dabei nur am Rande erwähnt, wir wollen uns allerdings diesmal um die „Gsi“- und Ch-lastigen Weinbauregionen kümmern, um das weitgefasste Rallyethema nicht noch mehr ausufern zu lassen.

 Elsass

„Vive la France – perte la Prusse!
D’Schwowe müen zom Landle nüss.
Vive la Prusse – perte la France!
D’Schwowe hän jätz wîder Chance…
 

Die bewegte Geschichte von Nord- und Sundgau mit oftmaligem Hin- und Her zwischen Deutschland und Frankreich und davor zwischen diversen Fürstentümern, zeigt auch in weinbautechnischer Hinsicht kulturelle Prägungen aus beiden Nationen, was die Region auch besonders facettenreich macht. Allerdings wird westrheinisch seit 1945 größtenteils französisch gesprochen.

Die „Leitsorte“ im Elsass ist der Riesling, aber gerade der Vergleich der Burgundersorten, von Gewürztraminer und Muskatsteller mit den Kollegen auf der anderen Rheinseite ist immer wieder spannend und eigentlich ein Thema für eine eigene Weinrallye… Meisterwinzer wie der Biodynamiker Marc Kreydenweiss oder Patrick Meyer von der Domaine Julien Meyer in Nothalten zeigen, wo qualitätsmäßig der Hammer im Elsass hängt, nicht nur beim Riesling.

Sundgau, Thurgau, Aargau, Breisgau, Klettgau – geprägt von Zähringern, Schweizern, Schwaben und Burgundern hat diese Region neben historischen und sprachlichen Gemeinsamkeiten nicht nur die Vorliebe für gutes Essen und Trinken gemein, es wird auch fast überall Wein angebaut.

Grauburgunder | Ruländer | Pinot Gris

Die Vorzeige-Rebsorte der Alemannen im Südwesten gerät viel zu oft ähnlich wie der Weissburgunder ins Hintertreffen, spricht man doch in der Weinwelt lieber vom Spätburgunder und den Aromasorten, sowie mitunter bemerkenswerten Chardonnays oder Sauvignon Blancs, selbst wenn diese sicher weniger typisch für die Region sind. Der als Ruländer oder auch als Grauer Mönch bekannte Grauburgunder erreicht gerade im südbadischen Markgräflerland oftmals herausragende Qualitäten, die in schlankerer, trocken ausgebauter Variante nichts mehr mit den oft klebrig-wuchtigen Vertretern zu tun haben, die noch in den Achtzigerjahren das Bild etwa der Südbadischen Weißweine prägte.

Die Grauburgunder von Salwey aus Oberrotweil im Kaiserstuhl gehören neben vielen anderen ebenso zu dieser moderneren Machart im positiven Sinne wie etwa auch die Gutsabfüllung Weingut Kiefer*** von Kiefer aus Eichstetten 2008.
Ein gelungenes Beispiel aus dem Markgräflerland ist der Kerber Grauer Burgunder -R- Alte Rebe 1960 Staufener Schlossberg. Erst jüngst wurde diese Spätlese aus Staufen im Breisgau bei der internationalen Wine Competition in London mit Silber ausgezeichnet. Kerber macht darüber hinaus auch bemerkenswerte Gutedel und Spätburgunder, sowie einige interessante Cuvées.

Höchstalemanische Weinberge

Im Wallis lässt es sich nicht nur wunderbar Skifahren, sondern auch in Sachen Wein ist das Rhônetal im Schweizer Wallis etwas besonderes. Nicht nur wachsen hier einige bemerkenswerte Exemplare von Pinot Noir, Gammay (beide als Cuvée im Dôle) und Casselas, sondern auch eine unüberschaubare Zahl an autochtonen, seltenen Rebsorten, die sich oft in winzigen Rebparzellen gehalten haben. Im Oberwallis wird nicht nur der höchste alemannische Dialekt gesprochen, dort gibt es auch die höchsten Weinberge, nämlich in Visperterminen im Vispertal, einem Seitental der Rhône. Bekannt nicht nur für seine Höhe, sondern auch für seinen Heida, einem Weisswein aus der Savagnin-Rebe, die insbesondere zu Vin Jaune im frz. Jura ausgebaut wird. Auf einer Höhe von bis zu 1.150 Metern werden die Reben für den Heida auf ca. 40ha angebaut, deren dichte Aromatik schon bemerkenswert ist. Steillagen vom Feinsten –  der Anbau hat natürlich seinen Preis… Heida du Valais AOC 2009 Edition Chandra Kurt. Quittenduft, ein mineralisches Bukett mit angenehm ausgewogener Säure, Melonen, Nektarinen und Salzige Noten, man möchte ewig an diesem vielschichtigen Wein schnüffeln. Entwickelt sich merklich weiter im Glas. Die bekannte Schweizer Weinjournalistin Chandra Kurt hat diesen Heida mit der Önologin Madeleine Gay erzeugt, Winzerin des Jahres und eine der herausragenden Weinpersönlichkeiten der Schweiz, die sich gerade für den Erhalt von Weinspezialitäten einsetzt. Mit diesem Heida ist den Damen ein eindrucksvoller Bergwein gelungen.

Gutedel | Chasselas | Fendant

Der Gutedel oder Chasselas wäre ebenfalls ein interessantes Thema für eine Weinrallye gewesen. Leider konnte ich keine exemplarischen Vertreter auf die Schnelle finden, mit der man Unterschiede oder Gemeinsamkeiten aus den verschiedenen alemannischen Regionen hätte vergleichen können. Chasselas ist immer noch die Parade Rebsorte der Schweiz und auch im Markgräflerland traditionell verwurzelt, auch wenn ihr in Westdeutschland wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Mit einer breit gefächerten Stilistik wird der schwerpunktmäßig bis an den Genfer See angebaut, dort vor allem im Lavaux/ Waadtland zwischen Montreux und Lausanne (als Chasselas) sowie im Wallis als Fendant. Neben den üblichen Massenerzeugnissen lassen sich aus der uralten Rebsorte bei entsprechend sorgfältiger Verarbeitung und Mengenreduktion mitunter bemerkenswerte Weine erzeugen. Interessanterweise wird sie in die Türkei vor allem als Tafeltaube angebaut.

Pinot Noir aus der Bündner Herrschaft

Zwischen Bodensee, Liechtenstein und Chur befindet sich die Bündner Herrschaft, bestehend aus den Weinstädtchen Fläsch, Maienfeld, Jenins und Malans. Neben der weißen autochthonen Spezialität Completer steht diese Region wie kaum eine andere für ein paar der besten Blauburgunder (wie der Pinot Noir hier genannt wird) der Schweiz. Weltberühmte Erzeuger wie Gantenbein, der international vielleicht bekannteste Schweizer Winzer, sowie Fromm und Davaz prägen das Renomee der Blauburgunderregion im Rheintal, die vom Traubenkocher Fön verwöhnt wird.

Ein freilich kleineres Kaliber als die Bündner Granden ist beispielsweise der Fläscher Blauburgunder 07 Auslese trocken von Hanspeter Kunz. Elegant und schlank, nicht monumental, rund, aber ohne Weichspüler, vollmundig mit dezenten Holzakzenten, wie überhaupt der bedachte und vernünftige Holzeinsatz die typischen Weine der Herrschaft unterstützt, anstatt sie mit weinfremder Aromatik zuzukleistern. Verspielt filigrane Obertöne bei leicht anmutenden 13% ohne allzu üppige Fruchtigkeit mit merklichen Schwarzkirschtönen kommt er mit angenehmem Mundgefühl bei präsenter Säure daher, dessen schmeichelhafter Gaumeneindruck aber gerne noch etwas mehr Länge haben könnte.

 Winzerwy Remigen Garanoir von Zweifel

Aus dem kleinen Weinort Remigen, in dem vor allem Pinot Noir und Müller-Thurgau an den Südhängen des Aargauer Tafeljuras nördlich von Brugg angebaut wird, stammt dieser 06er Garanoir, eine Neuzüchtung aus Gamay und der weißen Sorte Reichensteiner. Ein leichter würzig-fruchtiger Trinkwein mit angenehm auffallenden Kaffeenoten und einem Hauch von Karamell mit hellem Granatrot ist diese Eigenkelterung aus der Zweifel AG – eines der bekanntesten Zürcher Weinhändler. Ich fühlte mich zunächst an einen Dôle erinnert, dann aber auch wieder nicht. Sehr rund-gefällig, wenn auch ohne „hach“, aber mit Spaß im Glas. Neben High-End wie in der Bündner Herrschaft oder dem Wallis zeigen diese Weine, dass es auch einfach gut und (ich sage jetzt nicht trinkig) für den unkomplizierten Trinkgenuss gehen kann, ohne, dass man vor irgendwas oder wem vor Ehrfurcht in die Knie sinken müsste…

Und vielleicht ist ja auch das typisch für das Alemannische: Eine überbordende Vielfalt an Rebsorten und Stilistiken, wenig Großlagen, wenige „Leuchttürme der Winzerschaft“ oder Oeno-Superstars, Haus- und Gutsweine, die es zu entdecken gibt, Weine, die man nicht im Großhandel findet, Lokale Spezialitäten und viele kleine feine Weine, Dörfer und Dialekt-Unterarten. Das alemannische Klein-Klein kann nerven und erleichtert nicht gerade die Orientierung, hält aber dafür auch viele Überraschungen bereit.

Weiterführende Links

 

Artikel der Weinrallye-Kollegen

 

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