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Originalverkorkte Eindrücke aus Bordeaux

Während sich die deutsche Weinbloggerszene und glücklicherweise auch viel anderes Weinvolk beim Vinocamp trafen, fehlte einer: Christoph Raffelt von Originalverkorkt (OV). Wir haben ihn gefragt, was er so getrieben hat…

Baccantus: Hallo Christoph, du hast ja das erste deutsche VinoCamp in Geisenheim verpasst, allerdings nicht geschwänzt, sondern mit glaubhafter und durchaus vertretbarer Entschuldigung… Bordeaux! Als »gesponserter deutscher WeinBlogger auf der VinExpo« auf Einladung des C.I.V.B, also des Fachverbandes der Bordeaux-Weine mittendrin zwischen Messe, Haut-Brion, Rothschild und dem Prinzen von Luxembourg und Alain Jupée – wie geht’s einem da, mal ganz prosaisch gefragt?

OV: Es gibt schlechtere Orte für einen Weinblogger als Bordeaux. Nein, ganz im Ernst, es ging mir sehr gut. Und auch wenn ich gerne beim VinoCamp dabei gewesen wäre, so war dies doch wohl die beste Alternative. Die Agentur, die meinen Aufenthalt geplant hat, hat einen sehr guten Job gemacht. Das Programm war dicht und abwechslungsreich und ich wäre so schnell nicht nach Bordeaux gekommen ohne diese Einladung. Dass dieser Aufenthalt gesponsert ist, finde ich ok. Das ist ja auch klar kommuniziert und ich hatte auch keine Verpflichtungen, was Themen oder so angeht. Die einzige Verpflichtung war der Skype-Call, der nicht funktioniert hat. Und natürlich der Wunsch, dass ich überhaupt etwas schreibe, aber das versteht sich ja von selbst.

Baccantus: Gibt es Neider? Also be-neidet haben dich sicher viele, ich eingeschlossen, obwohl ich ja das VinoCamp nicht missen wollte…

OV: Nein, Neid habe ich nicht erfahren, lediglich, wie Du schon sagst, Be-Neider, und so wäre es mir auch ergangen wenn ein anderer Blogger aus Bordeaux berichtet hätte.

Baccantus: Was waren deine persönlichen Highlights, er die großen Abendveranstaltungen, zu denen man als Normalsterblicher nicht ohne weiteres gelangt, die verkosteten und getrunkenen Weine oder gar die VinExpo selbst?

OV: Mein persönliches Highlight war der Besuch auf La Tour Figeac und das anschließende Essen in St. Emilion. Einfach deshalb, weil es schon vom Wetter her ein traumhafter Tag war, zudem hat sich Otto Rettenmaier, der Besitzer, viel Zeit genommen, wir konnten in Ruhe bei vorzüglichem Entrecôte seine Weine probieren und hatten noch ein wenig Zeit, durch dieses pittoreske Städtchen zu laufen. Das ist mir persönlich mehr wert als ein Besuch bei Haut-Brion, auch wenn das sicherlich ein beeindruckender Abend und ein besonderes Erlebnis war. Und es war gar nicht einfach für den C.I.V.B., mich da unterzubringen, für diese Erfahrung bin ich ihnen sehr dankbar.

Baccantus: Oder das Essen? Klang ja jedenfalls fantastisch… nicht nur die illustre Runde der Küchenchefs…

OV: Ehrlich gesagt ziehe ich das einfache, klare Essen mit besten Zutaten, wie zum Beispiel das Entrecôte in St.Emilion oder das in der Brasserie am ersten Abend dem Sterne-Essen meistens vor. Nicht zuletzt deshalb, weil die Stimmung eine andere ist. Die Brasserie Bordelaise ist ein schöner Ort, voller Leben, mit Leuten die guten Wein und gutes Essen mögen aber eben auch gerne im Polohemd da auftauchen. Kurz gesagt, ich esse gerne ungezwungen.
Letzten Montag waren wir auf einer Gartenparty auf Château Bonnet bei André Lurton. Da hat der ehemalige Küchenchef vom Mitterrand gekocht. Der macht natürlich schöne Sachen, aber das war dann so organisiert, dass ständig Leute mit Tabletts rumliefen, von Tisch zu Tisch, wir allerdings den Eindruck hatten, dass unser Tisch nicht auf deren Plan lag, so dass wir ständig fragen mussten. Zusätzlich gab es Kochstationen an denen man Schlange stand. Das macht dann keinen Spaß, auch wenn die einzelnen Häppchen ausgesprochen lecker waren.
Und ein Letztes noch: Ich habe ja in meinen Artikeln auch die Möglichkeiten auf der Vinexpo erwähnt. Das macht dann auch Spaß, wenn man dort mitten auf der Messe eine Bistro-Atmosphäre präsentiert kriegt. Und einen Teller Austern und Rillette von sehr guter Qualität zusammen mit einem vernünftigen Glas Wein bekommt ohne dafür allzu tief in die Tasche greifen zu müssen. Das können die Franzosen halt richtig gut.

Baccantus: Wohl wahr… Mal so rein weintechnisch und thematisch gefragt – irgendwelche Geheimtipps oder Entdeckungen gemacht, die du mit uns teilen willst?

OV: Wiederentdeckt habe ich Clos Puy Arnauld von Thierry Valette, Côtes de Castillon. Das sind ausgezeichnete Rotweine im Cru Bourgois Bereich. Sehr sehr gute Qualität, aber nicht wirklich ein Geheimtipp. Die gibt es bei Gute Weine Lobenberg oder der Weinhalle. La Tour Figeac habe ich jetzt erst entdeckt. Auch das lohnt sich, da liegt man aber schnell über 30 Euro. Feinen Paulliac zum moderaten Preis gibt es auf Château Fonbadet, schönen Pomerol zum moderaten Preis bei Gombaude-Guillot. Hinzu kommt Château La Fleur Jonquet, ein Graves-Weingut, wie Fonbadet und Gombaude-Guillot auch weiblich geführt. Ich habe die drei Frauen der Winzerfrauen-Vereinigung Alienor in meinem Blogartikel erwähnt, wüsste aber jetzt nicht, wo man den Wein bekommt. Es war leider viel zu wenig Zeit auf der Messe, um wirklich viel probieren zu können.
Was mir nicht präsent war, war der Stil des Clairet, also ein Rosé der im Saignée-Verfahren abgezogen wird, aber eben später als normaler Rosé. Der ist dann fruchtig, aber auch markant-würzig und kräftig. Das gibt es hier kaum. Tja, ausserdem hatte ich auch nur kurz Zeit, mit Gernot Freund von Les Individuels – diesem Blog hier wohl bekannt – zwei Winzer zu besuchen, die aber sind sehr empfehlenswert. Beispielsweise die Weine der Domaine Chiroulet…

Baccantus: In der Tat, spannende Gascogne-Sachen bei Chiroulet! Und Bezahlbares, „Basisdemokratisches“?

OV: Ja, da gibt es viel. Ich war bei Cheval Quancard, das ist eine Familie mit viel Besitz in ganz Bordeaux. Die machen eine gute Qualität, vor allem die Basis hat mir sehr gut gefallen. Wenn ich Werbung für meinen Shop machen darf, würde ich die drei Weine der Winzer von Boisseneau erwähnen wollen. Das ist ein schöner weißer Entre-Deux-Mers mit Sauvignon Blanc, Sémillon und Muscardelle, wobei Sauvignon Blanc erst am hinteren Gaumen auftaucht, vorne bestimmt Sémillon. Das mag ich. Der Rosé ist schon so dunkel wie ein Clairet. Und er duftet auch markant nach Bordeaux-Cuvée. Der Rote ist einfach eine gute Basisqualität, leicht und schön zu trinken und ein guter Essensbegleiter. Sie kosten je 5.90. Das finde ich fair. Sehr zu empfehle wäre noch Château Segonzac, ein Cru Bourgeois aus den Côtes du Blaye. Die gibt es bei Cabernet & Co. in Dortmund und K&M Gutsweine in Frankfurt. Ach ja, die Weine von Château Grolet, Côtes du Bourg, ausgezeichnete biodynamische Qualität zum sehr guten Preis. Die gibt es wiederum bei mir.

Baccantus: Die Tücken der Technik – das mit dem WLAN / Multimedia-Anbindung scheint ja recht problematisch gewesen zu sein. Ein reines VinExpo-Problem, eines der Netzüberlastung ob des immensen Ansturms der WeinBlogger auf die verfügbaren Bordelaiser Netzknoten oder ein Französisches Infrastrukturproblem allgemein? Immerhin gibt’s ja in quasi jedem McD. freies WLAN…

OV: ich weiss es nicht so recht, ich habe allerdings via Iris Rutz-Rudel [Weinbloggerin & Winzerin vom Weingut Lisson/Olargues, F.] auf anderen Blogs gelesen, dass es wohl in den ganzen Halle so problematisch war. Das ist heutzutage natürlich ziemlich Käse. Allerdings ist jetzt der Netzausbau insgesamt nicht so weit fortgeschritten, wie mir scheint. Ich konnte meist nicht auf das UMTS-Netz zugreifen und dann funktioniert so eine App wie Instagram halt nicht.

Baccantus: Welche Konsequenzen ziehst du aus der Reise für dich selbst, deinen Weinblog und deinen Handel? nimmst du jetzt den 90’er Château d’Yquem ins Programm? 😉

OV: *lach* Nein, in diese Bereiche kann und will ich ja gar nicht vorstoßen. Damit sollen andere handeln die die finanzielle und logistische Basis dafür haben. Für den Handel ziehe ich direkt keinen Nutzen, ich habe mich intensiv auf der Prowein umgeschaut, was den internationalen Bereich angeht und ich habe zwei sehr gute Importeure für Frankreich.
Mit dem Blog muss ich mal schauen. Ich habe vor ziemlich genau vier Jahren angefangen zu schreiben, aus einer Laune heraus. Mein Anspruch an die Qualität meiner Artikel hat sich in der Zeit klar geändert, aber auch die Menge an Zeit, die ich in das Blog stecke.
Das Schreiben hat sich intensiviert, ich habe so etwas wie einen Stil herausgearbeitet und es macht viel Freude. Das würde ich gerne weiter ausbauen, aber das geht in dieser Form nicht auf einem privat geführten Blog, das ist einfach zu zeit- und kostenintensiv. Da muss ich vielleicht mal ein Stück weiterdenken oder neu denken.

Baccantus: Ein Wort zur Preisentwicklung 2009 – 2010 und dem zweiten „sensationellen Jahrhundertwein“ infolge?

OV: Ach Gott. Mir gefällt auf vielen Gütern 2008. Das sind oft Weine nach meinem Geschmack weil sie viel eher nach klassischem Bordeaux schmecken. Die ausgerufenen Jahrhundertweine sind so fett, so intensiv, die wirken auf mich manchmal wie Barockputten. Die schmecken, aber nur ein oder zwei Glas lang und dann hätte ich viel lieber einen 2008er. Und die Preise sollen die Importeure aus Hong-Kong und China bezahlen, bitte. Dafür habe ich kein Verständnis. Das kommt und geht. Irgendwann geht es wieder runter wenn man in Asien sieht, dass hier kaum noch jemand das Zeugs kaufen kann. Ich finde es entsprechend spannend, Alternativen zu finden.

Baccantus: Christoph – wir danken für das Gespräch!

Bilder 2011 von Christoph Raffelt und Christian Riedel – alle Rechte vorbehalten!

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Hier geht’s zu den Artikeln aus BDX auf originalverkorkt.de

Bordeaux zwischen Vinocamp und VinExpo, 6 – Château la Tour Figeac und St. Emilion
Bordeaux zwischen Vinocamp und VinExpo, 5 – zurück zur Scholle: Château de Piote
Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 4 – Château Haut-Brion

Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 4 – Château Haut-Brion
Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 3 – Die Stadt und ihre Messe
Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 2 – Impressionen

Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 1 – Verlautbarung
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