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Wettermeldungen – von Spätfrost, Hagel & Co.

Alles neu macht der Mai?
Alles kaputt macht der Frost!

Auch im Hightech-Jahrhundert hat das Wetter immer noch erheblichen Einfluss auf die Landwirtschaft und natürlich auch auf den Weinbau. Trotz Klimaerwärmung und vermeintlicher Frostsicherheit der letzten Jahre zeigen die jüngsten Schäden durch Spätfröste in vielen Weinbauregionen wieder einmal, dass man auch hierzulande mit dem Eis zu rechnen und zu kämpfen hat.
Ein Kälteeinbruch vom 03. auf den 04. Mai löste mancherorts die guten Ertragsaussichten für 2011 in Luft auf. Massive Schäden bis hin zu Totalausfällen sind in Rheinhessen zu beklagen, aber auch in der Pfalz und in Franken sind viele der frischen Reben erfroren.

Spätfrost, Trockenheit und Hagel

Wetterkapriolen wie starke Überschwemmungen, Hagel sowie Hitze- und Trockenperioden (wie derzeit) setzen nicht nur Bauern und Winzern zu, sie haben auch massive Auswirkungen auf die Natur und letztlich auch auf die Preise der erzeugten Produkte.
Der März und April dieses Jahres sind die wärmsten und trockensten seit 1961, was man sich nach Hochwasser und dem gefühlt fünfmonatigen Winter kaum vorstellen mag. Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass die extreme Trockenheit im April, die bisher auch im Mai noch andauert, sich u.a. auf die Getreidepreise auswirken wird.

So lagen die Durchschnittstemperaturen in RP von 12,7 Grad deutlich über dem langjährigen Mittel von 7,8 Grad und es fielen nur 19 Liter Regen/qm statt 57 L, was Durchschnitt wäre. In Baden-Württemberg waren es 23 L/qm im Vergleich zu 78 L im langjährigen Mittel bei 11,6 Grad.
Ein weiteres existenzielles finanzielles Risiko in der Landwirtschaft sind neben Trockenheit und Frostschäden auch Ernteausfälle durch Hagel. Hier ist ebenfalls eine erhebliche Zunahme in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnen; Versicherungen und Hagelnetze sind teuer…

Über die schädliche Wirkung des von Frühfrösten auf die frischen Reben hat Bernhard Fiedler aus Österreich, Neusiedlersee hier sehr ausführlich geschrieben.

Harald Steffens vom Weingut Steffens-Kess in Reil an der Mosel schreibt von 70 bis 80 % erfrorenen Trieben seiner Rivanerparzellen, Dirk Würtz vermeldet „Totalschaden in Gau-Odernheim“ in Rheinhessen, anderorts sieht es oft kaum besser aus.

F***-Jahr 2011

Nach erheblich geringeren Mengen im Weinjahr 2010 (auch genannt A…Jahr;-) werden die Schäden auch in 2011 zu einem Minus führen, was den deutschen Weinmarkt zusätzlich unter Druck setzen wird, da die Preise steigen müssen, der Weintrinker aber problemlos in andere Anbaugebiete ausweichen kann. Aber auch hierbei werden einige profitieren, sei es, weil sie noch Trauben oder genug Wein haben und entsprechend teurer verkaufen können,  sei es, weil ein paar Konkurrenten verschwinden… die betroffenen Winzer werden allerdings kaum zu den Profiteuren gehören.

Wir haben ein paar Stimmen eingefangen aus der Winzerschaft,
nicht nur aus Deutschland.

Baccantus: In den letzten 20 Jahren meinte es die Natur vielerorts gut mit den Winzern, auch wenn lokal gerade in den letzten 2-3 Jahren viel durch Hagel, Spätfröste und Regenfälle zur Lesezeit zerstört wurde. Wie geht man als Winzer damit um? Hagelnetze & Versicherungen und Heizlüfter oder der Natur ihren Lauf lassen?

Andi Knauß, Remstal, Württemberg, Weingut Knauß: Spätfröste kommen bei uns wirklich sehr selten vor,  bei uns sind ca. 20 % im Betrieb betroffen, besonders in den Tallagen. Ich denk,e das hat uns mal wieder gezeigt, welche Flächen wirklich weinbaulich genutzt werden sollten und welche nicht .
Regenfälle zur Lesezeit, war wie in 2010 oder 2006 kein Problem, da wir ein sehr gutes Laubwand -und Bodenmanagement haben. Hagel ist natürlich ein großes Thema im Remstal, in den letzten Jahren gab es kein Jahr, in dem wir nicht betroffen waren! Anders als beim Frost, wogegen es meiner Kenntnis nach keine Versicherung gibt, sind 2/3 des Betriebs gegen Hagel versichert. Eine Art Versicherung ist bei uns jedoch auch, dass wir unsere Flächen sehr verstreut haben und Hagel meist ein lokales Ereignis ist: Strümpfelbach, Schnait, Beutelsbach, Endersbach, Lehrensteinsfeld, Löwenstein…

Cederic Closquinet, Vinay, Champagne Roger Closquinet,: Auch bei uns gab es Spätfröste, aber in Vinay ist das alles recht harmlos verlaufen, da darf man sich nicht beschweren. In einigen Ecken in der Champagne gibt es schon etwas mehr an Ausfällen, aber gerade die großen Erzeuger haben viele verschiedene Flächen, sodass das Risiko recht verteilt ist.
Wir sind zeitlich etwas voraus und die Blütenansätze sehen vielversprechend aus. Es tut mir sehr leid zu hören, was anderen Winzern gerade in Deutschland widerfahren ist.

Gottfried Lamprecht, Herrenhof Lamprecht, Steiermark: Was in Deutschland passiert ist, ist wirklich Horror! Mit der Aussage, dass es vor allem die schlechteren Lagen erwischt hat bin ich vorsichtig; eine Quelle behauptet, dass gute Lagen genauso alle 40-50 Jahre mal einen Frostschaden davontragen, das war dann wohl ein Jahrhundertfrost. Trotzdem sieht man, dass es die tieferen Weingärten meist stärker erwischt hat. Deshalb denke ich, dass man in tiefen Lagen im Schnitt von 20 Jahren nur mit 19 Ernten rechnen darf. Frost war hier immer ein gefürchtetes Thema. Nur weil es in den letzten Jahren gut lief, heißt das noch nicht, dass nichts passieren kann. Man frage mal die alten Weinbauern, die wissen genau, wo ein Weingarten hin gehört. Die sind auch zum Thema Frost feinfühliger. Ich selbst kannte den Schaden nicht! Seit meinem weinbaulichen Start vor 5 Jahren gab’s bis jetzt keinen Frost.
Hier in der Steiermark gibt es bis zu 20% Schaden, so hört man. Viele Meldungen sind noch nicht aufgetaucht. Ich hab nur am Fuß unserer Lage Schaden entdeckt. Hie und da hat es einen Stammtrieb erwischt der vielleicht noch im Gras gesteckt ist. Auf Bodennähe war die Temperatur also min. 1-2 Grad tiefer als in 80-100cm.
Hagel ist ein großes Thema hier,  Hagelnetze sind ein Trend. Bei uns im Ort gibt es eine Firma, die sie für Weinbau vertreibt. Ich habe noch keines installiert. Unsere Obstgärten (Äpfel) sind aber zu 100% eingenetzt. Hagel ist nur ein Problem wenn es wirklich viel hagelt, also inkl. Holzschaden, oder vor der Ernte, wenn die Trauben weich sind. Deshalb gibt es noch wenige Netze, was natürlich auch eine Kostenfrage ist. So mancher Winzer hier probiert mal 20-30 Ar aus. Ich habe eine Hagelversicherung abgeschlossen, ohne die arbeitet hier keiner in der Landwirtschaft, vor allem bei Spezialkulturen wie dem Weinbau. Das ist fast fahrlässig. Ein Problem gibt es bei Hagelnetzen: Diese bieten zwar Schutz und die Systeme werden besser, jedoch zerstören diese optisch die Kulturlandschaft, insbesondere schöne Weinlagen.
Ich hoffe dass bei allen denen, die Schäden davongetragen haben die Möglichkeit Trauben zukaufen zu können weiterhin besteht!
[Gottfried Lamprecht zum Thema Frost in seinem Blog]

Richard Kerber, Weingut Kerber, Staufen, Baden: Wir in Südbaden hatten mit der Frostwelle zum Glück nichts zu tun. Das letzte Mal, das wir etwas Spätfrost hatten war im Jahr 2007. Doch hier kam doch noch ein guter Jahrgang im Herbst raus. Auch für unsere Kollegen in Rheinhessen ist noch nichts vorbei. Die Rebe wir auf dem zweiten Auge wieder austreiben. Allerdings nicht mehr so viele Gescheine produzieren, d.h. es wird automatisch weniger Ertrag geben… und dies ist nach dem ertragsschwachen 2010 für viele Betriebe ein Problem.

Versicherungen für Hagel gibt es, doch sie sind vielen – auch uns – viel zu teuer. In unserer Vorbergszone findet Hagelschlag zum Glück auch nicht so oft statt, der letzte (bis zu 95% Schaden -es gibt laut Versicherung keine 100%!) war in der Nacht zum 8. Juli 2004. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Am nächsten Morgen sahen unsere Reben am Staufener Schlossberg aus wie Ende November. kein Blatt mehr dran und die Trauben, die noch dran geblieben sind, waren angeschlagen. Es gab kein Blatt/Fruchtverhältnis mehr… Seit 3 Jahren gibt es eine badische Firma, die Hagelnetze verkauft. Man sieht sie vermehrt am Batzenberg, da dieser größte zusammenhängende Weinberg Deutschlands (530ha) immer mal wieder erhebliche Hagelschäden vorzuweisen hat. Doch hier kommt der große Haken:
13000 – 15000€ pro Hektar Investitionskosten sind immens!
Bis zu 5000€ kann es vom Landwirtschaftsministerium geben… dies ist aber fast in der Praxis nicht betriebswirtschaftlich zu stemmen… also weiterhin fleißig am Erntedanktag im Oktober schön zum lieben Gott beten 🙂

Baccantus: Danke an alle Winzer, die hier geantwortet haben!
Weiter geht’s hier mit den Antworten der Winzer Lukas Krauß und Wolfgang Janß.

Weitere Artikel zum Thema:

Weinrebenbild von Gottfried Lamprecht, 2011, alle Rechte beachten!

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