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Millésime Bio 2011 – von Spontis und Eisbonbons

[Ein Baccantus-Gastbeitrag von Gernot Freund]

Stefan Schwytz war mit mir, Gernot Freund, und drei weiteren Kollegen und Freunden auf der Millèsime Bio. Für mich war es der siebte Besuch. Ich bin also schon recht lange dabei.

Nachhaltig & Bio?

Eines der spannendsten Themen der Messe war die Nachhaltigkeit der Weine und die Frage: Was ist Bio? Beides Themen, die mich persönlich auch extrem interessieren. Im Mittelpunkt stand die Debatte, ob es reicht, Bio im Weinberg zu machen, oder ob der Keller einfach mit dazu gehört. Gehört Reinzuchthefe in einen Bio-Wein oder sollte er spontan vergoren sein?

Gleich zu Anfang eine Bemerkung: ein Böckser ist in Frankreich oder Italien kein Weinfehler. Jeder große Piemontese, Bordeaux oder Burgunder hat ihn. Als alter verrückter Bio-Liebhaber ist mir ein Wein mit kleinen Fehlern lieber als ein langweiliger Wein. Ich habe während dieser Messe schätzungsweise zwischen 400 und 500 Weine probiert. Sie lassen sich grob in drei Gruppen unterteilen:
Spannende Terroirweine, gut gemachte Weine und langweilige Weine. Ich gebe gleich auch zu, dass ich dieses Jahr allein der größeren Anzahl der Aussteller wegen viele Weingüter nicht mehr probiert habe, die ich in den letzten fünf, sechs Jahren immer wieder verkostet habe. Bei einigen wie Borie la Vitarelle braucht man es nicht, bei ihm kommen immer spannende Weine auf die Flasche, bei anderen, die ich nicht nennen möchte, war für mich persönlich die Langeweile im Glas vorprogrammiert.

Spontanvergorene Terroiristen…

Spannende Terroirweine waren alle spontanvergoren, fast immer mit den Hefen der Trauben aus dem Weinberg, einige mit eigenen Weinbergshefen. Und sie hatten alle spannende Weine, Weine, bei denen man an ein tolles Essen denkt, Weine für Freunde, viele filigran wirkend aber mit einer überragenden Struktur, explosiv am Gaumen mit einer unglaublichen Bandbreite an Noten. Schöne salzige Noten, viel Frucht und Würze – man erkennt in ihnen ihre Macher wieder, ebenso wie das Terroir, aus dem sie stammen.

Das sind Winzer wie Christophe Busquet von Château Pech-Redon, Jean-Louis Tribouley, Tom Lubbe (Matassa), Sepp Moser, Juan Carlos Sancha, Silvie Spielmann, Pacina, Borie La Vitarelle, Renaud Boyer, Bruno Michel, Abbaye de Valmagne, Ledogar, Virgil Joly, um nur einige zu nennen. Dann natürlich die ganz eigenständigen Weine der Biodynamiker wie Patrick Meyer, Christian Binner oder die drei Österreicher Muster, Strohmeier, Werlitsch aus der Steiermark und Tripoz aus dem Burgund.
Hier steht nicht die Rebsorte, sondern das Terroir im Mittelpunkt. Wie hatte es einer der steirischen Winzer formuliert: Wir vinifizieren nicht nach Rebsorten, sondern nach dem Bodencharakter. Wer nach dem modernen Begriff rebsortentypische Weine sucht, ist bei ihnen falsch am Platz…

Bekömmliche Weine wie aus einem anderen Jahrhundert – diese Rieslinge, Chardonnays und Sauvignon Blancs haben nichts, aber auch gar nichts gemein mit den typischen Aromen, die wir heute aufgeschwatzt bekommen. Sie sind so, wie die Weine wohl vor mindestens 50 oder 60 Jahren geschmeckt haben, bevor die Chemie breiten Einzug in den Wein hielt.

Ich gebe zu, sie sind nicht jedermanns Sache, aber hier ist die viel gepriesene Nachhaltigkeit Wahrheit geworden.
Ein hoch außerdem auf den österreichischen Demeter-Verband. Er hat in seinen Regeln festgeschrieben: wer bio-dynamisch arbeiten will, muss spontan vergären. Das würde ich den Biodynamikern in der restlichen Welt auch gerne ans Herz legen.

Terroiristen mit Charakter…

Gut gemachte Weine, biologisch, Teile der Weine sind spontan vergoren, andere nicht, aber sie haben alle einen Terroircharakter, ihre salzigen Noten meist sehr fruchtbetont, manche eher robust, manche mit kleinen Fehlern behaftet, aber schön. Dazu gehören Domainen wie Emile et Rose, Monplezy, Allegria, Costeplane, La Jaubertie, Traginer, Chaume Arnaud, Can Majoral, Frey Vineyards, Terre des Chardons, Vina La Favola, Le Cinciole, Ilarria, Cazes (einige der Rivesaltes gehören in die obere Liga), Miraval, Viret, Cazaban, La Jara, Vina Ilusion, Jarauta und viele mehr. Sie machen auch sehr schöne Weine, allerdings fehlt ihnen im Moment noch das gewisse Etwas zum absoluten Top-Wein, bei manchem vielleicht auch nur der Mut auf Spontanvergärung um zu stellen.

Reinzucht-Eisbonbons…

Die langweiligen Weine wurden dominiert von der Reinzuchthefe. Ob es Viognier oder Grauburgunder, Pinot Gris, Pinot Grigio oder… mit der typischen Eisbonbon-Note, Kaffee im Spätburgunder (nicht aus deutschen Landen) und so weiter war – um mit Diner for One zu sprechen: the same procedure as every year!

Ich spreche diesen Weinen nicht ihre Daseinsberechtigung ab. Viele Weintrinker haben mit diesen Weinen begonnen, viele lieben sie und finden, dass man genau hier viele der großen Weine unserer Zeit findet. Ich persönlich empfinde hier spätestens nach dem ersten Glas vor allem eines – Langeweile. Immer die gleichen Noten, vollmundige Weine, mit minimalen Abweichungen, die nach zwei Schlucken schlapp gemacht haben. Oder noch viel schlimmer, Weine, die zwar technologisch gut gemacht sind, aber vom Einstieg bis zum Abgang weniger als einfach sind, oder wie es einer meiner Mitstreiter ausdrückte: rotes, alkoholhaltiges Getränk ohne weitere Aromen. Auch hier möchte ich keinen Namen nennen. Es wäre gegen den einen oder anderen Winzer unfair, der sich wirklich anstrengt, aber vielleicht dieses Jahr einfach nichts auf die Reihe bekommen hat. Leider war dieses Merkmal hauptsächlich bei Großbetrieben (nicht bei allen) im Vordergrund. Wir sind bei einigen der bekanntesten Winzerpersönlichkeiten nicht mal bis zum vierten Wein gekommen, dann hatten wir die „Schnauze, im wahrsten Sinne des Wortes voll“.
Stefan war zwar nicht immer einer Meinung mit mir, was die Weine anging, aber das macht natürlich auch die Weinwelt aus – die herrlichen Diskussionen, die man auch nicht allzu Ernst nehmen sollte, über eines der schönsten Themen der Welt – den Wein.

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– Bildrechte 2011 Fotos S. Schwytz.  MillésimeBio-Logo, Text-Zitate & Facts via Press-Kit AIVB-LR, Lattes, by kind permission!


11 Kommentare

  1. schade, dass wir uns auf der Millésime Bio verpasst haben. Wär z.B. interessant gewesen, zusammen die Weine der vins naturels Winzer auf der Parallelversanstaltung der Remise in Castries zu probieren, wo wohl auch die überzeugtesten Verfechter dieser Richtung versammelt waren. Ich habe da zwar auch nicht genug Zeit verbringen können, aber neben der valeur sure eines Biodynamikers der 1. Stunde, wie Bernard Belahsen von Fontedico und seinen gereiften Weinen habe ich zwei junge Talente aus der Ardèche und den Pyrénéen entdeckt, die mich voll überzugt haben.

    Überhaupt fand ich es erfrischend, auch mal ein paar ältere Jahrgänge probiren zu können, selbst beim Outsider Languedoc Treffen am Aend Chez Boris (wo ihr ja vermutlich auch wart?), hat mich ein 2006er von O’Vineyards am meisten angenehm überrascht…

    Auf der Messe selber hatte ich mehr Schwierigkeiten, durch Verkostung Neues zu entdecken, weil ich als „nicht-Messe-Profi“ einfach Probleme damit habe, in solch einem Rahmen „en bouche“ zu sein;-).

    Aber viele der von Dir zietierten Winzer gehören ja auch zu meinen „Nachbarn“, die kann ich auch mal wieder persönlich besuchen…:-).

  2. Hallo Iris, in der Tat schade… bei dem Outsider-Treff von Louise Hurren waren wir nicht, hatten eine wunderbare Veranstaltung abends bei JeanJean mit Domaine Cazes & Co… war von den Steiermärkern sehr angetan, aber auch von P. Tessier / Cheverny, Loire und Pacina / Siena – und viele mehr. Du wohnst ja wirklich mittendrin 😉

  3. na ja, die Loire und Siena sind etwas weiter entfernt,aber für’s Languedoc-Roussillon bin ich in Olargues wirklich gut platziert – einen Vorteil muss der Mensch ja haben, wenn er sonst in Punkto internationale Weine auch hier im Süden nicht gerade so verwöhnt wird, wie Ihr in D:-).

  4. Hey, dafür wohnst du in einer Art Paradies – nicht nur in Sachen Wein! Da werden sogar die Wildsauen mit feinsten Trauben gemästet! 😉

  5. worauf ich, wie Du Dir vorstellen kannst, gerne, auch zu Gunsten meiner Kunden, verzichten würde…:-(

  6. Nehme an du meinst den Sanguilier im Grenache-Sud und nicht das Paradies…

  7. Die Weine der von Dir erwähnten Steiermark Winzer spalten, provozieren, begeistern. Bei der VieVinum 2010 retteten die Unerschrockenen wie schon 2008 meine Rezeptoren vor der Öde der Getränke im Saal der Steiermark (bis auf wenige löbliche Ausnahmen). Für mich unverständlich bleibt der persönliche Feldzug eines Süddeutschen Journalisten, der nicht müde wird, die Weine von Muster, Strohmeier, Werlitsch als Irrweg zu verteufeln.
    Leider, leider hatte ich wg. anderer Termine keine Chance zur Millésime Bio 2011 zu kommen.

  8. Kennen wir den Journalisten? 😉 Ich könnte verstehen, wenn man persönlich andere Weine bevorzugt – das ist auch in Ordnung. Aber verteufeln? Ich halte es immer für problematisch, wenn ein Kritiker nicht in der Lage ist, seinen pers. Geschmack von der Bewertung des Produkts (gilt auch für Kunstwerke) zu trennen. Wer das nicht vermag, taugt nicht für dieses strenge Handwerk! (frei nach Ortega y Gasset;-)
    Die Genannten aus der Steiermark waren in der Tat eine positiv erfrischende Abwechslung…

  9. Gernot Freund Gernot Freund

    Sie waren nicht nur eine erfrischende, sehr positive Abwechslung, sie waren ein Highlight der Messe. Wer diese Weine als Irrweg bezeichnet, gar zu einem Feldzug gegen solche Weine antritt, hat wie Stefan schon geschrieben hat, in der Weinwelt nichts zu suchen. Und das sage ich nicht, weil ich diese Weine liebe. Meine Hauptaufgabe als Agent besteht darin, Weine für andere zu finden, die den allgemeinen Geschmack treffen. Das bedeutet, den Markt zu kennen und darauf zu reagieren. Muster, Strohmeier, Werlitsch, Patrick Meyer, Binner sind nicht, vielleicht auch noch nicht für den großen Markt tauglich, werden es vielleicht nie sein. Aber sie sind eines: sehr gut verträglich, fantastisch mit Essen zum kombinieren und sie stehen für die Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. Und nicht umsonst findet man diese Weine in der Sternegastronomie Frankreichs und vielen anderen Ländern, außerhalb Deutschlands.
    Ich bin kein Freund von Weinen mit Reinzuchthefen. Trotzdem würde ich niemals diese Weine verteufeln, sie haben Ihren Markt und bringen vor allem dem Wein neue Weintrinker, weil sie für Anfänger gut und einfach zu trinken sind. Es sind auch immer wieder schöne Terroir-Weine darunter. Selbst die Coca-Cola-Weine von Blanchet, Freixenet und Konsorten sind in Augen von Weinliebhabern vielleicht Mist, schlechte Weine oder anderes, aber anderen Weintrinkern schmecken sie, das sollte man akzeptieren.
    Schlimm aber sind persönliche Feldzüge, vor allem von Journalisten, die Feder hat immer noch viel Macht. Und wenn man dann sieht, wie viele Journalisten welche Weine (zuletzt die Aldi-Weine von Fritz Keller) in den Himmel loben, die nun wirklich nur unterstes Mittelmaß sind, dann muss man sich fragen – gilt auch hier die Frage: „Was kostet die Welt?“ oder gibt es immer noch eine objektive Bewertung. Denn eines kann man den Weinen von Muster, Strohmeier und Werlitsch nun wirklich nicht vorwerfen, sie sind nicht fehlerhaft!!!!!

  10. Vielen Dank für den tollen Bericht über die Millesime. Vor allem freut mich das ihr mit Böckser, Vorurteilen und co aufgeräumt habt!

  11. Lieber Stefan, lieber Gernot,
    wie ich lese sind wir bei den Steiermärkern einer Meinung.
    Es lebe die Vielfalt.
    Gruesse Andreas

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