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Bordeaux – ein Annäherungsversuch


Weinspion
Uli Kutting ist in der Mission des Bordeaux unterwegs und wir haben uns daraufhin auch mal ein paar Gedanken gemacht. Sich dem großen Thema Bordeaux umfassend und annähernd objektiv zu widmen ist eher ein Buchprojekt epischen Ausmaßes denn ein Blogartikel und bedarf neben hervorragender Kontakte oder sonstiger Beschaffungswege zu den wertvollen Stöffchen auch eine nicht zu verachtende Portion Erfahrung.
(Materialspenden für umfangreiche Verkostungsreihen und Vertikalen werden aber jederzeit gerne entgegengenommen:)

Ich versuche mich daher erst gar nicht daran, sondern verbleibe bewusst in der subjektiven Annäherung, wohl wissend, dem Thema nicht annähernd gerecht werden zu können.
‚Bordeaux an sich /das Bordeaux und ich /der Bordeaux und ich
‚ wären also die richtigen Unterkategorien für diesen Beitrag zur Mission…

Welcher Weinliebhaber weltweit denkt bei diesem Städtenamen nicht spontan an die Weinregion und ihre Erzeugnisse? Kaum eine andere Region ist namentlich so mit dem Weinthema verknüpft wie diese. Winzige Dörfer wie Pauillac, St. Estèphe und Saint-Émilion stehen ebenso für große Weinbautradition wie die Chateaus Lafleur, Haut Brion, Margaux … Große Namen, Grand Crus, höchste Qualität und weltweit berühmter Wein-Adel – stilprägend ist Bordeaux bekanntermaßen weltweit für Rotwein-Cuvées, auch wenn die Weißweine mehr als nur bemerkenswert sind (hat da jemand Château d’Yquem gesagt?) . Einige der besten Weine der Welt kommen von der Gironde und dem Medoc und kaum ein anderer Wein ist derart beliebtes Spekulationsobjekt wie die großen Bordeaux-Gewächse.

Nicht alles ist wunderbar, was hier wächst. Viele Erzeuger profitieren vom großen Nimbus, den die ganze Region für sich reklamiert, unabhängig davon, ob der Einzelne die viel gerühmte Qualität auch nur annähernd erreicht. Die Qualität der einzelnen Lagen spielt hier eine wirklich bedeutende Rolle, denn auch diese scheinbar so begünstigte Weingegend verfügt über viel Mittelmaß und – das muss man auch sagen dürfen – absolut unterdurchschnittliche Erzeuger. Wo viel Licht ist, ist eben auch Schatten.

Aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc, manchmal auch einem tropfen Petit Verdot lassen sich dort ganz große Gewächse ziehen, aber auch unglaubliches, was nur durch das Prädikat seiner Herkunft überhaupt verkäuflich ist (Bordelaiser Brühe ist zwar eigentlich… aber egal). Die meisten Chateaus produzieren neben ihren Top-Kreationen auch Massenweine in Form von Marken- bzw. Château-Weinen für das Fußvolk zu vermeintlich günstigen Preisen und oftmals fragwürdiger Qualität. So lässt sich der Weinadel – Rothschild und Co. – seine großen Namen bezahlen, auch bei den zumeist recht schlichten Basisweinen. Dabei gibt es in der Region viele unbekannte und natürlich auch wesentlich interessantere Weine zu entdecken, als das Basissegment der großen Häuser.

Grand Bordelaiser Brüh‘ Classé?

Mein Problem mit den Weinen aus Bordeaux ist recht einfach zu umreißen.
Die meisten Weine, die mir wirklich schmecken, sind mir für den Privatgebrauch schlicht zu teuer. Das bordelaiser Preis- Leistungsgefüge stimmt hier meines Erachtens nach weniger als anderswo, und selbst schlechte Jahrgänge der großen Erzeuger werden oft derart gehyped, dass einem fast die Barriquenoten aus den Ohren kommen.

Ein nicht zu unterschätzendes Problem der Region Bordeaux sind schwankende Niederschlagsmengen und Temperaturen, die zu merklich unterschiedlichen Jahrgangsqualitäten führen. Anders als in Weinregionen mit gleichmäßigerem Klima, in denen z.B. der Cabernet Sauvignon in jedem Jahr ausgereift gelesen werden kann führt dies mitunter zu unreifen, grünen Noten im Wein. (Habe ich schon erwähnt, dass ich grünen Paprika hasse?) Aber auch hier schreitet die Kellertechnik natürlich fort und die Grand Cru-Weine werden immer unabhängiger von Wettereinflüssen.

Die Weine sind in ihrer Jugend oftmals sehr verschlossen und hart in den Tanninen, und wenn sie dann Jahre später wirklich anfangen, Spaß zu machen, sind sie für die meisten unbezahlbar. Aber leider sind viele nur jung und in Form der Subskription überhaupt erhältlich oder bezahlbar. Dazu kommt, dass guter Bordeaux Zeit braucht – oft noch mehr als andere Weine. Und Zeit ist bekanntlich Geld. Je länger der Wein in Fass und Flasche seiner Trinkreife entgegenschlummert, desto teurer wird er verständlicherweise. Das scheint nicht mehr so ganz in die heutige Schnelllebigkeit zu passen, was man durchaus und mit Recht bedauern kann.

Viele auch der großen Bordeaux-Weine von denen ich bisher nur recht wenige trinken durfte richten ihren Stil zunehmend auf Herrn Parker und seine Jünger aus, ohne sich auf ihre eigenen Stärken zu konzentrieren und einer Stilistik zu folgen, die ihren Lagen und Terroir entspricht. Entsprechende Bewertungen wirken sich extremer als vielleicht anderswo auch auf die erzielbaren Marktpreise aus.

Auch ökologischer Weinbau und Nachhaltigkeit scheinen hier unbekannter zu sein, als anderswo in Frankreich. Beim Stichwort ‚Monokultur Weinbau‘ fallen mir spontan meine Reisen durch das Bordelais ein, nicht immer ein schöner Anblick…

À la recherche…

Zwar ist das Appellationssystem etwas einfacher als im Burgund. Qualitätseinstufungen bzw. Vergleiche zwischen den verschiedenen Crus verlaufen trotzdem oft alles andere als befriedigend, sind verwirrend und führen manchmal zu überraschenden Ergebnissen: manch ein 5e Cru schlägt locker einen 2e Cru und kostet nur einen Bruchteil.

Nicht nur der einfache Bordeaux Liebhaber, sondern auch vermeintliche Kenner und passionierte Trinker fühlen sich hier oft hoffnungslos verloren und müssen sich wohl oder übel in die Hände des Weinhändlers seines Vertrauens begeben, der im Zweifel auch eher die interessanten Subskriptionen aus dem breiten Angebot gefischt hat, als es dem Konsumenten allein je möglich wäre. (doch auch bei  den Händlern gibt es genug, die im Trüben fischen oder im Dunkeln tappen). Für händlerunabhängige Entdeckungsfreudige ist Bordeaux oftmals ein teures und unbefriedigendes Pflaster, ganz anders als beispielsweise das Languedoc Roussillon. Trotzdem lassen sich viele, die durchaus einen guten Wein zu schätzen wissen, von Blendern, Aufschneidern und Besserwissern nur allzu leicht beeindrucken, was vielleicht auch wiederum den Mythos Bordeaux fortschreibt.

Jenseits der Renommier- und Prestigeweine gibt es natürlich auch hier genug innovative und interessante Winzer und Mini-Châteaux, die bezahlbare Weine von exquisiter Qualität produzieren – man muss sie nur finden…

Manche – vielleicht sogar die meisten kritischen Punkte lassen sich zumindest annähernd auch auf andere Weinbauregionen übertragen, sie treten nur im Vorzeigegebiet Bordeaux ein wenig deutlichrer zutage als anderswo.

Abschließend möchte ich Euch nochmals auf das Youtube-Video von der großen Bordeauxwein-Verkostung hinweisen, bei der sowohl auf der Seite der Verkoster, als auch auf der der Weine fast alles, was Rang und Namen hat, anwesend war. Das Ergebnis dennoch überrascht.

L’incroyable Degustation à l’aveugle des plus Grands Bordeaux

Zum gleichen Thema | Mission Bordeaux

Über Bordeaux lässt sich vortrefflich und kontrovers streiten.
Was meint Ihr? Welche Erfahrungen habt ihr mit dem Thema und den Weinen gemacht? Was sind Eure Lieblinge?
Wir werden weiter berichten und demnächst ein paar unser Favoriten vorstellen.

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4 Kommentare

  1. Andreas Berndner Andreas Berndner

    Hallo,
    danke für den schönen und kenntnisreichen Artikel! Was mir besonders gefallen hat: Er ist nicht einfach eine weitere der üblichen blauäugigen Lobhudeleien auf Bordeaux, sondern sachlich und auch durchaus kritisch (das mit den Preisen kam mir mehr als einmal ganz genauso vor). Durch die lange Tradition der Weinherstellung dort haben die bordelaiser Winzer allerdings wohl schon den ein oder anderen „Standortvorteil“. Eine Region wie jede andere ist Bordeaux also vorerst nicht …
    Hier noch ein guter Artikel zum Thema, zwar nicht ganz so kritisch, dafür mit schönen Bildern:

    http://www.mahagoni-magazin.de/Genuss/wein-bordeaux.html

    Beste Grüße
    Andreas

  2. Hallo Andreas, dank dir für den Kommentar & den lesenswerten Link zum Mahagoni-Magazin, kannte ich bisher nicht…
    Das mit der langen Tradition ist so eine Sache, schließlich blickt auch der Kaukasus oder der Balkan auf viele Jahrhunderte der Weinbaugeschichte zurück. Erst der bedingungslose Wille zur Qualität (Ertragsreduzierung etc.) führt auch zum Erfolg.
    Mich würde ja auch mal eine flächendeckende vergleichende Studie mit Bodenanalysen im Bordelais interessieren, und zwar zum Bodenschadstoffgehalt (Pestizidrückstände, Kupfer etc… )
    Der sogenannte Standortvorteil gilt ja nach Ansicht einiger Experten zum einen als gar nicht so wahnsinnig ausgeprägt, zum anderen muss man ihn differenziert betrachten – nicht alle Unterappelationen verfügen über die gleiche Bodenqualität und klimatischen Voraussetzungen, was sich auch in der Verteilung der Rebsorten Merlot/Cabernet S. und F. äußert.
    Das ozeanische, also eher feuchtwarme Klima und Niederschläge zur Erntezeit begünstigt eben auch Meltau und Grauschimmel, was in Kalifornien und Chile eher selten vorkommt.
    Entre Deux Mers bspw. ist auch sicherlich nicht mit Haut-Medoc vergleichbar und auch im Medoc selbst ist der Boden & Qualitätslagen äußerst verscheiden verteilt. Ein weites Feld…

  3. Andreas Andreas

    Hallo Stefan,
    oha. Das sind so einige Aspekte. Ich merke, ich bin noch blutiger Anfänger 🙂 Jedenfalls ist sicher, dass das Thema Wein zu wichtig ist, als es allein dem Gutdünken Herrn Parkers et. al. zu überlassen.

  4. Uli Uli

    @ Stefan. Auf diesem Weg auch nochmals Danke für den Artikel. Er entspricht genau dem, was ich mir für die Mission Bordeaux gewünscht habe.

    @Andreas. Zum Einen bist Du als (selbsternannter) „blutiger Anfänger in Sachen Bordeaux“ genau einer derjenigen Weinfreunde, an die sich die Mission Bordeaux wendet und zum Anderen auch von mir Danke für den Link zu „Mahagoni“.

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