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Was ist Naturwein?

Was ist Naturwein? Das ist eine der besten Fragen für die heutige Weinwelt.
Für mich stehen da drei Winzer dafür.

Klar ist bei allen Dreien – im Keller wird der Wein so wenig wie nur möglich angerührt.

Der erste ist Giles Azzoni, ein unbekannter Winzer in der Ardeche. Er stammt aus einem der Banlieus von Paris. Hat sich als Weinarbeiter durch alle Weingegenden Frankreichs geschlagen und ist schließlich bei einem alten Winzerehepaar in der Ardèche gelandet. Die haben ihm als Dank für seine Treue und seine Arbeit ihre Weinberge vermacht. Gilles ist einfach nur arm. Keiner von uns würde so leben wollen. Für ihn allerdings ist es ein Vorschritt gegenüber allem, was vorher war. Er hat keine elektrischen Geräte im Keller, Spritzen kann er sich nicht leisten und er macht einen ganz eigenen Wein mit seinen eigenen Hefen aus dem Rebberg und nennt ihn Naturwein. Er hat allerdings auch nicht das Geld, sich Ecocert oder so anzuschließen. Ist er deswegen jetzt weniger Natur? Ich denke, viele Biowinzer bringen mehr Dreck in den Weinberg als er.

Nummer zwei ist Patrick Meyer, Domaine Julien Meyer im Elsass. Der Bio-Dynamiker benutzt Knoblauch, Brennessel und vieles mehr im Rebberg, er hat einen Pflug für Biodynamie entwickelt und propagiert und lebt vor allem das ‚Bio‘. Seine Weine sind Demeter-zertifiziert und alles andere als leicht verständlich. Es macht ihm nichts aus, wenn andere Leute über seine Weine sagen, sie seien oxydiert, stimmt nicht, sagt er und trinkt seinen 99 Grand Cru Muenchberg oder einen 2002er Spätburgunder von vollendeter Schönheit. Er nennt einen seiner Weine Nature – ist es das?

Nummer drei ist Franz W. Schmidt vom Weingut Bercher-Schmidt in Vogtsburg-Oberrotweil (Kaiserstuhl). Er gehört zu der Generation, die in Wyhl ‚Grün‘ wurde. Er kämpfte gegen das Atomkraftwerk und mit ihm hatte ich erst von ein paar Wochen eine sehr spannende Diskussion. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema Bio und hat sich für sein Weingut dagegen entschieden. Das Warum hat viele Gründe, aber sein Hauptgrund ist, man spricht viel über Bio und die Mittel, die man einsetzen darf. Was aber sie für Auswirkungen auf die Umwelt haben (Anmerk von Gernot: und wir sprechen hier jetzt nicht über die Bordelaiser Brühe), das weiß noch kein Mensch, weil sich bisher niemand darum gekümmert hat. Es ist ja Bio. Und auch er behauptet: ich mache Naturweine.

Was mich an Franz Ansatz, am meisten berührt hat, ist, dass er die Bio-Winzer auffordert, sich nicht von den anderen Winzern abzugrenzen, nicht Fanatiker zu werden, nicht nur Ihre eigenen Meinung gelten zu lassen und da hat er zum Teil jedenfalls nicht ganz Unrecht – die Tendenz dazu zeigt sich immer wieder?

Meine persönliche Meinung: alle drei machen auf ihre Art Naturweine. Was für mich nicht mehr zu Naturweinen zählt, ist Umkehrosmose und andere Spielchen, bei denen der Wein auf technische oder sagen wir nicht natürliche Art verändert werden. Ich persönlich habe oft Probleme mit Weine aus Reinzuchthefen, aber nicht, weil ich sie nicht für Naturweine halte, sondern weil ich diese langweilig finde.

Ein Gastbeitrag von Gernot Freund, Weinagentur les Individuels, Merdingen

Hintergründe

6 Comments

  1. Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die Teilnahme bei dieser Weinrallye eher gering ausfällt, bin ich nun hoch erfreut: 10 Beiträge sind schon eingelaufen, darunter einige von “Weinrallye-Neulingen”, sogar zwei Blogs, die ich bis dato gar nicht kannte! Hier also die ersten Beiträge zum Thema Naturwein:[…]

  2. von Hans-Peter Schmidt Hans-Peter Schmidt

    Was ein Winzer außer Trauben sonst noch seinem Wein beimischt, muss er mit seinem Gewissen vereinbaren. Wer aber behauptet, ein Wein könne nur dann auf dem Markt bestehen, wenn Reinzuchthefen, Farbstoffe, Tannine, Kaliumkarbonate, Gelatine, Zucker, arabischer Gummi, schweflige Säure und noch ein Dutzend weiterer Hilfsstoffe zugefügt wurden, der sollte sich mal das Vergnügen eines Natur belassenen Weines gönnen.[…]

  3. Schöne Beispiele – Vielen Dank für den Beitrag!

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